Spirituelle, Psychologische Lebensberatung

 

 

 

 

Wahre Schönheit

 

Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe.
Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt.
Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es
war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge
Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.
Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: "Nun, Dein Herz ist nicht mal annähernd so schön, wie meines."
Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an.
Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo
Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren.
Aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste
Ecken.....genau gesagt... an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten.
Die Leute starrten ihn an: wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und
lachte: "Du musst scherzen", sagte er, "dein Herz mit meinem zu
vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus
Narben und Tränen."
"Ja", sagte der alte Mann, "Deines sieht perfekt aus, aber ich würde
niemals mit Dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten.
Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen.
Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese
Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde...und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?"
Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus.
Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an.
Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz.
Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzen.
Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte. Der
junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen.
Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite

 

Achtsamkeit

Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler, die Namen aller anderen
Schüler in der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig
Platz neben den Namen zu lassen. Dann sagte sie zu den Schülern, Sie sollten
überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden
sagen können und das sollten sie neben die Namen schreiben.
Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den
Klassenraum verließen, gaben sie ihre Blätter der Lehrerin.
Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein Blatt
Papier und daneben die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler
über den einzelnen aufgeschrieben hatten. Am Montag gab sie jedem Schüler
seine oder ihre Liste. Schon nach kurzer Zeit lächelten alle.
"Wirklich?", hörte man flüstern. "Ich wusste gar nicht,
dass ich irgendjemandem was bedeute!" und "Ich wusste nicht, dass mich
andere so mögen", waren die Kommentare.
Niemand erwähnte danach die Liste wieder. Die Lehrerin wusste nicht, ob
die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten,
aber das machte nichts aus. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler
waren glücklich mit sich und mit den anderen.
Einige Jahre später war einer der Schüler gestorben und die Lehrerin
ging zum Begräbnis dieses Schülers. Die Kirche war überfüllt mit vielen
Freunden.
Einer nach dem anderen, der den jungen Mann geliebt oder gekannt hatte,
ging am Sarg vorbei und erwies ihm die letzte Ehre.
Die Lehrerin ging als letzte und betete vor dem Sarg. Als sie dort
stand, sagte einer der Anwesenden, die den Sarg trugen, zu ihr:
Waren Sie Marks Mathe Lehrerin?" Sie nickte: "Ja". Dann sagte er: "Mark
hat sehr oft von Ihnen gesprochen."
Nach dem Begräbnis waren die meisten von Marks früheren Schulfreunden
versammelt. Marks Eltern waren auch da und sie warteten offenbar
sehnsüchtig darauf, mit der Lehrerin zu sprechen.
"Wir wollen Ihnen etwas zeigen", sagte der Vater und zog eine Geldbörse
aus seiner Tasche. "Das wurde gefunden, als Mark verunglückt ist.
Wir dachten, Sie würden es erkennen." Aus der Geldbörse zog er ein stark
abgenutztes Blatt, das offensichtlich zusammengeklebt, viele Male gefaltet
und auseinandergefaltet worden war. Die Lehrerin wusste ohne hinzusehen,
dass dies eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die
seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten.
"Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken, dass Sie das gemacht haben",
sagte Marks Mutter. "Wie Sie sehen können, hat Mark das sehr geschätzt."
Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin.
Charlie lächelte ein bisschen und sagte: "Ich habe meine Liste auch noch.
Sie ist in der obersten Schublade in meinem Schreibtisch".
Die Frau von Heinz sagte: "Heinz bat mich, die Liste in unser
Hochzeitsalbum zu kleben."
"Ich habe meine auch noch", sagte Monika. "Sie ist in meinem Tagebuch."
Dann griff Irene, eine andere Mitschülerin, in ihren Taschenkalender und
zeigte ihre abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. "Ich trage
sie immer bei mir", sagte Irene und meinte dann: "Ich glaube, wir haben
alle die Listen aufbewahrt."
Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen musste und weinte. Sie
weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen
würden.
Im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen vergessen wir oft, dass jedes
Leben eines Tages endet und dass wir nicht wissen, wann dieser Tag sein
wird.
Deshalb sollte man den Menschen, die man liebt und um die man sich sorgt,
sagen, dass sie etwas Besonderes und Wichtiges sind. Sag es ihnen, bevor
es zu spät ist.

 

Sprung in der Schüssel

 

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte,
die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug.
Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und
stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der langen Wanderung vom
Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch
halb voll.
Zwei Jahre lang geschah dies täglich: die alte Frau brachte immer nur
anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war
natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem
Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die
Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.
Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die
Schüssel zu der alten Frau: "Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus
dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft."
Die alte Frau lächelte. "Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des
Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht?"
"Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines
Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen.
Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch
damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese
Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren."
Jeder von uns hat seine ganz eigenen Macken und Fehler, aber es sind die
Macken und Sprünge, die unser Leben so interessant und lohnenswert machen.
Man sollte jede Person einfach so nehmen, wie sie ist und das Gute in ihr
sehen.

 

Regenbogen

Vor langer Zeit begannen die Farben dieser Welt zu streiten.
Jede behauptete von sich, sie sei die Beste,
die Wichtigste, die Nützlichste oder die Beliebteste.


GRÜN sagte: „Natürlich bin ich die Wichtigste.
Ich bin das Symbol für Leben und Hoffnung.
Ich wurde auserwählt für alle Pflanzen,
für das Gras, die Bäume und die Blätter.
Ohne mich würde alles sterben.
Schaut euch nur in der Landschaft um
und ihr werdet erkennen, das ich recht habe.“


BLAU unterbrach: „Du denkst nur an die Erde,
aber betrachte doch den Himmel und das Meer.
Es ist das Wasser, das die Basis für alles Leben darstellt
und aus den Tiefen des Meeres in die Wolken steigt.
Der Himmel gibt, in seiner Unendlichkeit, Raum für Frieden.
Ohne Frieden wäret ihr sehr viel ärmer.“

Da erhob sich PURPUR zu ihrer vollen Größe und sprach:
„Ich bin die Farbe der Macht. Fürsten, Könige, Häuptlinge und Bischöfe
haben meine Farbe gewählt, weil ich das Symbol für Autorität und Weisheit bin.
Niemand zweifelt an mir, man hört zu und gehorcht.“

GELB lachte in sich hinein:
„Ihr seid alle so ernst.
Ich bringe Lachen, Fröhlichkeit
und Wärme in die Welt.
Die Sonne ist gelb, der Mond ist gelb,
die Sterne sind gelb und eine Sonnenblume
bringt die Welt zum Lächeln.
Ohne mich gäbe es keine Freude.“

Als nächste begann ORANGE ihr Lob zu singen:
„Ich bin die Farbe der Gesundheit und der Erneuerung.
Ich mag rar sein, aber kostbar, denn ich diene
den Bedürfnissen menschlichen Lebens.
Ich überbringe die wichtigsten Vitamine,
denkt nur an all die Früchte dieser Welt.
Ich bin nicht ständig da und überall,
aber wenn ich den Himmel zum Sonnenauf-
und Sonnenuntergang einfärbe,
ist meine Schönheit so eindrucksvoll,
dass niemand einen Gedanken an euch verschwenden wird.“

Schließlich sprach INDIGO, viel leiser,
als all die anderen, aber bestimmt:
„Denkt an mich. Ich bin die Farbe der Stille.
Ihr nehmt mich kaum wahr,
aber ohne mich würdet ihr alle oberflächlich sein.
Ich repräsentiere Gedanken, Ideen
und Betracht-ungen, auch Zwischentöne.
Ihr braucht mich für das Gleichgewicht
und den Kon-trast im Leben.
Für den Glauben, die stillen Momente
und den inneren Frieden.“

ROT konnte sich nicht länger zurückhalten und rief:
„Ich bin der Herrscher über alles.
Ich bin das Blut und das Leben.
Ich bin die Farbe der Gefahr und der Tapferkeit.
Ich bin das Feuer. Aber ich bin auch
die Farbe der Leidenschaft
und der Liebe, der Rose und der Mohnblume.
Ohne mich wäre die Erde so trist, wie der Mond.“
Und so fuhren die Farben fort zu prahlen,
jede von ihrer eigenen Erhabenheit überzeugt.
Ihr Streit wurde immer lauter.
Plötzlich war da ein heller Blitz und grollender Donner.
Regen prasselte schonungslos auf sie nieder.
Die Farben drückten sich voller Furcht aneinander,
um sich zu schützen.

Der REGEN wandte sich nun an die still gewordenen Farben
und sah dabei jede einzelne an:
„Ihr dummen Farben streitet untereinander
und versucht den anderen zu übertrumpfen.
Wisst ihr nicht, dass jede von euch für einen
ganz bestimmten Zweck geschaffen wurde.
Jede Farbe ist einzigartig auf dieser Welt
und etwas ganz besonderes.
Reicht euch die Hände und kommt zu mir.“

Sie taten, wie ihnen geheißen.
Sie kamen zusammen und reichten sich die Hände.
Der Regen fuhr fort: „Von nun an, wenn es regnet,
erstreckt sich jede von euch in einem Bogen über den Himmel,
um daran zu erinnern, dass ihr alle
in Frieden miteinander leben könnt.
Der Regenbogen ist ein Zeichen der Hoffnung
und der Versöhnung.“

Freundschaft ist wie ein Regenbogen
Rot wie ein Apfel und süß bis ins Innerste.
Orange, wie eine brennende Flamme,
die niemals verlöscht.
Gelb, wie die Sonne, die deinen Tag erhellt.
Grün, wie eine Pflanze, die nicht aufhört zu wachsen.
Blau, wie das Wasser, das so rein ist.
Purpur, wie eine Blume, die erblüht
und Indigo, wie die Träume, die dein Herz erfüllen.

 

Baum der Liebe

 


Eines Tages auf der Straße nach Irgendwohin, traf die Liebe einen Menschen. Mit ausgestreckter Hand lief sie auf den Menschen zu, so als würde sie ihm die Hand reichen, oder etwas geben wollen.
Verwundert blickte sie der Mensch an. es war es nicht gewohnt und mochte es auch von einem Fremden auf der Straße angesprochen zu werden. Verärgert und ängstlich wollte er der Liebe ausweichen, aber sie stellte sich vor ihn, schaute ihm ihn die Augen und sagte: "Ich gebe dir dieses Samenkorn als Willkommensgeschenk. Schön dich getroffen zu haben. Was du damit machst liegt in deinen Händen. Und wie das Samenkorn heranwächst, liegt an dir, an deiner Hege und Pflege".
Zögernd nahm der Mensch das Samenkorn an sich und ohne bei der Liebe sich zu bedanken, wollte seinen Weg fortsetzen.
"Halt!", rief die Liebe. "nicht wegrennen! Ich gebe dir ein paar Pflegetipps auf den Weg. Das Samenkorn musst du in die Erde pflanzen. Es braucht viel Tageslicht, viel Sonne, Wärme, Dünger, Wasser und vor allem viel Streicheleinheiten. Zuerst wächst es zu einem zarten Pflänzchen heran, dann zu einem Baum, der tiefe Wurzeln schlägt, dann bei guter Pflege zur rechten Jahreszeit Früchte trägt, die unter seiner Krone Schutz bietet."
"Ich habe noch nie einen richtigen Baum gepflanzt", sagte der Mensch unsicher, als würde er sich dafür schämen. "Pflanzen ja, aber einen Baum zu pflanzen, das schaffen nur wenige Menschen".
"Dann sei doch einer der Wenigen, die einen Baum pflanzen. Jeder der einen Baum pflanzen will, der pflanzt ihn auch. Es ist nicht die Frage des Willens, sondern dessen Umsetzung - das Tun und das Handeln", sagte die Liebe energisch.
Der Fremde eilte mit dem Samenkorn in der Hand zum nächsten Blumenladen.
Der Blumenverkäuferin, eine wachsame Frau mit ausgeprägtem Einfühlvermögen fiel der ungeduldige Fremde sofort auf. Sie blickte auf seine zur Faust geballten Hand und fragte ihn ob sie ihm behilflich sein könnte.
"Ich hätte gerne die passende Blumenerde und einen Topf für dieses Saatkorn hier" Vorsichtig öffnete er die Faust und zeigte ihr das Samenkorn.
Was für ein Samen ist das?" fragte die Blumenfrau etwas erstaunt.
"Ich begegnete zufällig der Liebe und sie schenkte mir dieses Korn als eine Art Willkommensgeschenk. Sie meinte ich soll es in die Erde setzen und ab und zu gießen und etwas pflegen und daraus wird ein Baum, - ein Baum der Liebe", sagte der Mann unsicher und etwas gelangweilt, als wäre es eine Peinlichkeit. Die Verkäuferin könnte ja einen Lachanfall bekommen, denn alles klingt so unrealistisch, logisch nicht begreifbar. Aber mit dem Herzen...?
"Nie gehört, von dem Baum der so heissen soll. Ich denke, dass daraus eher ein Pflanze wird, oder vielleicht ein kleiner Strauch" sagte die Verkäuferin verwundert.
Sie gab dem Fremden den gewünschten Beutel Blumenerde die für alle Pflanzen geeignet ist und einen kleinen Blumentopf .
Der Fremde eilte nach Hause, steckte den Samen in die zuvor gekaufte Erde und stellte den Blumentopf auf das Fensterbrett, damit viel Licht darauf scheinen kann.
Er goss ab und zu die ausgetrocknete Erde und wunderte sich dass noch nichts gewachsen ist.
Eines Morgens sah er im Blumentopf einen kleinen Spross und wunderte sich wie klein und dünn er erst war. Der Fremde wandte sich enttäuscht ab und überlegte sich noch ein paar Tage abzuwarten, was aus dem Spross werden würde.
Und der Spross wuchs zu einem kleinen, zarten Pflänzchen heran und wartete sehnsüchtig auf Dünger und Wasser. Nach ein Paar Tagen schaute der Fremde nach dem Blumentopf und sah darin ein winziges zartes Pflänzchen, dass kraftlos hin und her schwankte.
Enttäuscht wandte sich der Fremde ab. Er dachte die Pflanze wird schnell wachsen und üppig blühen. "Daraus wird nicht einmal eine Pflanze, geschweige denn ein Baum", murmelte er enttäuscht und wandte sich ab.
Er ließ den Topf zwar noch stehen, aber er düngte das Pflänzchen nicht und er goss es auch nicht mehr. Ein paar Tage später ging es ein.
Der Fremde warf den Topf achtlos weg.
Monate gingen ins Land und wie das Leben so spielt, traf der Fremde zufällig wieder die Liebe.
Er wollte ihr ausweichen um ihren Fragen zu entgehen, doch sie stellte sich ihm in den Weg, so dass er nicht ausweichen konnte.
"Schön Sie zu sehen", sagte die Liebe freundlich. "Was ist denn aus dem Samen geworden?"
"Gar nichts " sagte der Fremde genervt, aber doch etwas beschämt. "Es wuchs daraus ein zartes Pflänzchen, welches dann einging. Ich dachte daraus wächst eine große Pflanze welche abwechselnd wächst und blüht und dass daraus ein Baum wird".
Als sie nach der Pflege fragte, antwortet er beschämt und zögerlich, dass es es doch reiche wenn die Pflanze hell steht und ab und zu etwas gegossen wird.
"Sie waren doch auch mal ein kleines neugeborenes Kind?" fragte die Liebe vorsichtig . " Und ihre Eltern haben Sie gepflegt und hatten sehr viel Geduld mit Ihnen, bis Sie groß waren und auf eigenen Beinen stehen konnten. Und Sie sind bestimmt nicht sehr schnell gewachsen und haben Ihren Eltern auch nicht immer nur Freude bereitet, sondern auch den einen oder anderen Kummer, oder etwa nicht?"
"Sicherlich, aber..."
"Kein Aber!", unterbrach ihn die Liebe. "Mit der Liebe ist es ebenso wie mit einem Kind. Die Liebe muss gedüngt werden - sie muss Nahrung erhalten, viele Zärtlichkeiten, Freude, Gemeinsamkeiten. Die Liebe muss im Licht stehen, sie muss in der Helligkeit der Ehrlichkeit, der Treue und der Hoffnung gedeihen können. Die Liebe braucht Wasser, die braucht die Quelle woraus sie Kraft schöpfen kann, wenn der Alltag sie ermüdet. Die Liebe muss gehegt werden, die welken, kränkelnden Blätter müssen entfernt werden, sie braucht die Worte die ihr alles sagen und jeder Streit, die kränkelnden Worte müssen entfernt werden. Nur so kann die Liebe wachsen und blühen. Und denke daran: sie braucht Zeit und Geduld!"
Sie drückte dem Fremden ein kleines Samenkorn in die Hand und der nahm es zögern an.
"Dieses Mal mach es aber besser und denke immer daran was ich dir gesagt habe" ermahnte ihn die Liebe und ging mit einigen Schritten davon.
"Aber ich...", weiter kam der Fremde nicht, denn die Liebe war kaum mehr zu sehen.
Er betrachtete das Samenkörnchen auf seiner Handfläche, unschlüssig ob er es einfach wegwerfen, oder nicht doch der Liebe nachlaufen sollte, um es ihr wieder zurückzugeben.
Doch die Liebe, war nicht mehr zu sehen.
Achselzuckend und nachdenklich machte er sich auf den Weg zum Blumenladen um neue Erde zu kaufen.
"Guten Tag, schön Sie wieder zu sehen. Ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch. Was ist denn aus dem Samenkorn geworden, das Ihnen die Liebe geschenkt hat? Was für eine pflanze wurde daraus?" fragte die Blumenverkäuferin.
"Daraus wuchs ein kleines Pflänzchen. Keine Ahnung welcher Art ich es zuordnen soll, aber nach kurzer zeit ist es eingegangen," sagte der Fremde und senkte beschämt den Kopf. Als müsste er sich dafür rechtfertigen, sagte er leise: " ich habe gar keine Ahnung von Pflanzen, geschweige denn von ihrer Pflege. Um ehrlich zu sein, ich habe sie auch nicht mehr gegossen. Wozu denn eigentlich? Es hat eine kleine Ewigkeit gedauert, bis das Samenkorn endlich keimte und dann war es so winzig. Ich glaube kaum, dass es zu einer stattlichen Pflanze herangewachsen wäre."
"Abgesehen davon, dass Sie es nicht mehr gegossen haben," antwortete die Blumenfrau abwertend, "solche seltenen Pflanzen, sind in der Regel sehr empfindlich und brauchen besonders viel Pflege. Und vor allem viel Licht. Sie ist eher für Pflanzenliebhaber und -kenner geeignet."
"Nun ich habe heute die Liebe erneut getroffen und ehe ich mich versah, drückte sie mir ein neues Samenkorn in die Hand und lief so schnell sie auch nur konnte und ohne ein Wort davon," sagte der Fremde und seine Stimme klang etwas enttäuscht und unsicher.
Die Blumenfrau lächelte verhalten und gab ihm die gewünschte Blumenerde, welche für alle Pflanzenarten geeignet ist und wünschte ihm viel Glück.
Daheim angekommen, setzte er das Samenkorn vorsichtig in die feuchte Erde und stellte den Topf mit einem weißen Übertopf ans Fenster.
Noch einmal streicht er mit dem Finger über die Blumenerde, glättete sie sanft, als würde er ein schlafendes Kind zudecken.
Der Fremde hat es zu seinem Ritual gemacht, Morgen für Morgen, Abend für Abend, die Erde zu berühren, sie sanft zu streicheln.
Als hätte das Samenkorn die Sanftheit seiner Streicheleinheiten gespürt, spross es vorsichtig und ebenso zart wie das erste Körnchen aus der warmen Erde.
Der Fremde betrachtete das Pflänzchen und staunte über seine Zartheit. Er war nicht mehr enttäuscht von dessen winzigem Spross und dessen Zerbrechlichkeit, sondern er bewunderte seine Lebenskraft.
Endlich hat er begriffen, dass das jedes Leben seine Stufen hat und Zeit braucht diese Stufen zu besteigen. Er lächelte verträumt und aus seinem Lächeln spiegelte sich die Hoffnung.
Sorgfältig hegte und pflegte er das Pflänzchen mit einer unbeschreiblichen Geduld und Zärtlichkeit und das Pflänzchen dankte ihm immer und immer wieder mit neuen Blättern, deren anfangs noch zartes Grün immer kräftiger schimmerte. Die dünnen Fädchen seiner Wurzeln wurden kräftiger und drangen etwas tiefer in die Erde um der Pflanze besseren Halt zu geben. Und so wuchs es langsam zu einem kleinen Bäumchen heran, mit einem schönen geraden Stamm und vielen Ästen, deren kleine Ästchen mit ihrem von den Strahlen der Sonne beleuchtet und in unzählige grünen Nuancen schimmernden Blätterkleid eine wunderschöne kleine Krone formten.
Das Bäumchen wuchs zu einem jungen Baum heran. Sommerregen, Donner und Blitz, kleine und heftigere Gewitter säuberten sein Blätterkleid und ließ es in der Sonne seidiger schimmern. Die gereinigte Luft tat dem jungen Baum sichtlich gut.
Der Herbst schlich sich auf leisen Sohlen an den Baum heran und färbte seine Blätter, gelb, rot und purpurfarben. Er nahm ihnen anschließend die letzte aufflackernde Kraft zum Leuchten. Im Herbstwind ließ er sie ihren Abschiedstanz tanzen und hilflos umherirren, bevor er sie auf den nasskalten Boden fallen ließ.
Kraftlos lagen nun die purpurfarbenen Blätter auf dem Boden und ließen den eisigen Novemberregen hilflos über sich ergehen. Die einzelnen Blätter rückten ganz eng zusammen und schützten mit ihrem Teppich das Bäumchen vor der Kälte des heranschleichenden Winters.
Hilflos schien der Baum dem Winter ausgeliefert zu sein, aber er wusste, dass es nicht allein ist. Er hatte den Fremden um sich herum, der ihn hegte. Beruhigt nahm er einen Winterschlaf. Der Fremde schnitt ihm die dürren Äste und befreite ihn vom Reisig. Der Baum schlief und sammelte neue Kraft.
Als würde der Baum die Sehnsucht, die Liebe des Fremden zu spüren, erwachte er eines Tages aus seinem Winterschlaf.
Die Sonnenstrahlen der aufgehenden Sonne, wärmten sanft die Luft.Die Schneedecke schmolz und tropfenweise fiel sie von den Ästen.
Der Baum streckte seine noch blätterlosen Äste und Zweige in den Himmel, als würde er die Sonne begrüßen.
Das zarte Blau des Himmels strahlte im Sonnenlicht und eine Herde weißer Schäfchenwolken wanderten über den Himmel.
Die Vögel setzten sich auf die Äste des Baumes und zwitscherten munter ihr Frühlingslied. Eine Hommage an die Liebe, an die Hoffnung zwitscherten sie unermüdlich bis sie das Herz des Baumes erreichten und es ihnen die Tür öffnete.
Der Baum tanzte vor Freude und seine Äste wiegten sich im langsamen Rhythmus des milden Frühlingswindes.
Die ersten Knospen sprossen zaghaft auf den Zweigen.
"Es ist Frühling", dachte der Fremde. "Den ganzen Winter saß ich einsam in meinem Haus und wartete auf die Liebe und sie kam nicht."
Traurig schaute der Fremde zum Fenster hinaus in den Garten.
Er staunte. Der Baum wurzelte tiefer und sein Stamm ist kräftiger als im Vorjahr.
Aus Zweigen wurden langsam Äste und neue Zweige ließen die Krone größer werden.
"Der Baum der Liebe" höhnte der Fremde. "Den Baum habe ich gepflanzt, habe ihn gehegt bis er wurzelte, habe ihn von seinem Reisig befreit und die Liebe kam doch nicht. Wenn er mit seiner Größe mein Haus überragt und seinen Schatten mir die Sicht aus dem Fenster versperrt, holze ich ihn ab." schimpfte er.
Eines Morgens schaute er aus dem Fenster und sah den Baum in einem neuen Blätterkleid, das zart- bis dunkelgrün in der Sommersonne schimmerte. Unzählige rote Knospen zierten das Kleid.
In den nächsten Tagen öffnete sich Knospe für Knospe, Pétale für Pétale.
Samtige, zerbrechliche Zartheit entfaltet sich. In ihrem Kelch nehmen die Blüten Tropfen für Tropfen den Morgentau auf. Der süße, fruchtige Duft zerbarst in der Luft und lockt zahlreiche Bienenschwärme an. Gierig tranken sie den Nektar aus dem Blütenkelchen und summten fröhlich ihr Liebeslied.
Der Fremde öffnete wie jeden Morgen das Fenster. Eine fruchtige Brise betörte seine Sinne und das rhythmische Summen lässt ihn innehalten und lauschen.
Eines Abends ging er hinaus in den Garten, legte sein Ohr an den Baumstamm und lauschte.
Wie ein Wasserfall rauschte das Wasser im Herzen des Baumes. Es floss durch die Adern und Venen der Zweige und Blätter.
"Da staunst du, was?" raunte der Baum ruhig. "Meine Liebe wurzelt tief und fest im Grunde meines Herzens. Sie wächst und wächst und entfaltet sich. Ich liebe und erwarte keine Gegenleistung. Ich wurzele, wachse, blühe und trage dann auch Früchte. Ich spende dir Schatten und mit meinen Ästen möchte ich den Himmel umarmen. Doch ich frage nicht, ob du mich irgendwann abholzen wirst, oder ob der Himmel mir nicht die Äste brechen wird,wenn ich ihn berühre. Nein, ich frage nicht, ich liebe!" hörte der Fremde den Baum sprechen.
Erschrocken sah der Fremde um sich, aber er konnte niemanden sehen.
"Liebe wurzelt tief und du vergeudest sie nicht, indem du sie verschenkst, sondern sie schöpft aus deinem Herzen immer wieder neue Kraft."
"Wer liebt, wächst aus sich heraus."
"Liebe, liebe, liebe und du wirst geliebt!", sang der Baum weiter und wiegte seine Äste im Wind.
Der Fremde setzte sich jeden Abend unter den Baum, dessen Zweige ihm Schatten spendeten und lauschte was der Baum zu ihm sprach.
"Die Liebe braucht Raum und zeit in deinem Herzen um sich zu entfalten. Und sich braucht dein Vertrauen. Deine Angst vor Enttäuschungen ersticken sie im Keim."
Die Liebe zieht eine andere Liebe an. Ein unsichtbares Band webt sie zusammen. Gehe auf sie zu. Entferne dich nicht , damit die zarten unsichtbaren Fäden nicht reißen."
Die Stürme des Sommers kamen und rüttelten und schüttelten den Baum, rissen ihm Zweige und Äste ab, bis sein Kleid in Fetzen von der Krone hing. Die Blüten fingen an zu welken. Vorbei die ganze Pracht.
Enttäuscht wandte sich der Fremde ab. Abends setzte er sich nicht mehr unter den Baum.
Er öffnete zwar noch das Fenster, aber dem Baum schenkte er nur verachtende Blicke.
"Von wegen Stärke" murmelte er enttäuscht.
"Lass mir doch ein bisschen Zeit!" rief der Baum. "Alles braucht seine Zeit, auch die Liebe. Ich habe ein paar Wunden an meinen Ästen die heilen müssen. Ich liebe und ich habe nie aufgehört dir Schatten zu spenden. Eines Tages werde ich Früchte tragen."
"Ich glaube dir nicht" sagte der Fremde und schloss das Fenster.
Der Sommer ging zu Ende und der Herbst färbte das Laub purpurfarben.
Blätter fielen aus der Krone und tanzten Tango mit dem Herbstwind.
Die alten Weiber des Herbstes sponnen silberne Fäden um die Äste.
Der Fremde sah aus dem Fenster und traute seinen Augen nicht.
Rote Früchte hingen am Baum.
Er lief in den Garten um sie näher zu betrachten.
"Ich liebe, ich liebe," sang der Baum.
Kein Sturm kann mich in Stücke reißen,
so lange meine Wurzeln stark sind
um ihm zu strotzen und standzuhalten.
lch liebe, ich liebe
und blühe weiter
bis die Sonne wieder scheint
und meine Wunden heilt.
Ich liebe, ich liebe
und lasse Äste wachsen
um dich zu umarmen
ich liebe, ich liebe
die Frucht der Liebe
schenke ich dir"
Der Fremde hatte Tränen in den Augen und ging beschämt zurück ins Haus.
"Du kannst die Früchte ruhig einsammeln, "rief ihm der Baum zu.
Versunken im Nebel ruht die Welt. Der Fremde betrachtete die Früchte in den Körben und der süße Duft der reifen Früchte durchströmte sein Herz.
Als sich der Nebel lichtete hielt er es im Haus nicht mehr aus.
Er machte einen langen Spaziergang durch die herbstliche Natur.
Nach einiger Zeit wollte er zurückkehren, aber etwas hielt ihn zurück. Ein ihm noch unbekanntes Gefühl spornte ihn an, weiter zu gehen.
"Ich gehe noch ein Stück weiter, dachte er. "Ich weiß dass jemand auf mich wartet."
Tatsächlich begegnete der Fremde der Frau, auf die er schon lange ein Auge geworfen hatte, aber sich nie traute, ihr zu sagen, was er für sie empfindet, aus Angst sie würde seine Liebe nicht erwidern.
Von da an waren sie unzertrennlich. Sie verbrachten einige Zeit gemeinsam.
Ein paar Tage waren es noch bis zum Jahresende. Sie feierten gemeinsam Weihnachten und bereiteten sich innerlich auf das neue Jahr vor.
"Bevor dieses Jahr zu Ende geht, möchte ich dir noch etwas sagen," sagte der Fremde schüchtern.
Sie lachte leise.
"Nur zu," sagte sie. "ich bin gespannt."
"ich liebe dich!" rief er.
"Ich liebe dich," sagte sie leise aber bestimmt.
Er erzählte ihr von seinen Ängsten, sie hörte ihm zu.
Vom Baum der Liebe erzählte er ihr.
Neugierig ließ sie sich in den Garten führen.
Der Baum schlief tief und fest unter einer Schneedecke.
Ein paar welke Blätter fielen auf den Boden.
Es sah aus, als würde der Baum ihnen zunicken.
Beide legten das Ohr an den Baum und lauschten dem Wasserfall der Liebe im Herzen des Baumes
"Die Liebe wächst wenn du sie wachsen lässt", rauschte der Wasserfall.
"Stimmt!" ,dachten beide und engumschlungen schritten sie ins Haus.

 

 

Vertrauen

 

In der Hauptstadt seines Landes lebte ein guter und gerechter König. Oft verkleidete er sich und ging unerkannt durch die Straßen, um zu erfahren, wie es mit seinem Volk stand. Eines Abends geht er vor die Tore der Stadt. Er sieht aus einer Hütte einen Lichtschein fallen und erkennt durch das Fenster: Ein Mann sitzt allein an seinem zur Mahlzeit bereiteten Tisch und ist gerade dabei, den Lobpreis zu Gott über das Mahl zu singen. Als er geendet hat, klopft der König an der Tür: “Darf ein Gast eintreten?” “Gerne”, sagt der Mann, “komm, halte mit, mein Mahl reicht für uns beide!” Während des Mahles sprechen die beiden über dies und jenes. Der König – unerkannt – fragt: “Wovon lebst du? Was ist dein Gewerbe?” “Ich bin Flickschuster”, antwortete der Mann. “Jeden Morgen gehe ich mit meinem Handwerkskasten durch die Stadt, und die Leute bringen mir ihre Schuhe zum Flicken auf die Straße”. Der König: “Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit bekommst?” “Morgen?”, sagte der Flickschuster, “Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!” Als der Flickschuster am anderen Tag in die Stadt geht, sieht er überall angeschlagen: Befehl des Königs! In dieser Woche ist auf den Straßen meiner Stadt jede Flickschusterei verboten! Sonderbar, denkt der Schuster. Was doch die Könige für seltsame Einfälle haben! Nun, dann werde ich heute Wasser tragen; Wasser brauchen die Leute jeden Tag. Am Abend hatte er so viel verdient, dass es für beide zur Mahlzeit reichte. Der König, wieder zu Gast, sagt: “Ich hatte schon Sorge um dich, als ich die Anschläge des Königs las. Wie hast Du dennoch Geld verdienen können?” Der Schuster erzählt von seiner Idee Wasser für jedermann zu holen und zu tragen der ihn dafür entlohnen konnte. Der König: “Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit findest?” “Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!” Als der Schuster am anderen Tag in die Stadt geht, um wieder Wasser zu tragen, kommen ihm Herolde entgegen, die rufen: Befehl des Königs! Wassertragen dürfen nur solche, die eine Erlaubnis des Königs haben! Sonderbar, denkt der Schuster, was doch die Könige für seltsame Einfälle haben. Nun, dann werde ich Holz zerkleinern und in die Häuser bringen. Er holte seine Axt, und am Abend hatte er so viel verdient, dass das Mahl für beide bereitet war. Und wieder fragte der König: “Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit findest?” “Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!” Am anderen Morgen kam dem Flickschuster in der Stadt ein Trupp Soldaten entgegen. Der Hauptmann sagte: “Du hast eine Axt. Du musst heute im Palasthof des Königs Wache stehen. Hier hast du ein Schwert, lass deine Axt zu Hause!” Nun musste der Flickschuster den ganzen Tag Wache stehen und verdiente keinen Pfennig. Abends ging er zu seinem Krämer und sagte: “Heute habe ich nichts verdienen können. Aber ich habe heute Abend einen Gast. Ich gebe Dir das Schwert” – er zog es aus der Scheide – “als Pfand -, gib mir, was ich für das Mahl brauche.” Als er nach Hause kam, ging er zuerst in seine Werkstatt und fertigte ein Holzschwert, das genau in die Scheide passte. Der König wunderte sich, dass auch an diesem Abend wieder das Mahl bereitet war. Der Schuster erzählte alles und zeigte dem König verschmitzt das Holzschwert. “Und was wird morgen sein, wenn der Hauptmann die Schwerter inspiziert?” “Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!” Als der Schuster am anderen Morgen den Palasthof betritt, kommt ihm der Hauptmann entgegen, an der Hand einen gefesselten Gefangenen: “Das ist ein Mörder. Du sollst ihn hinrichten!” “Das kann ich nicht”, rief der Schuster voll Schrecken aus. “Ich kann keinen Menschen töten!” “Doch, du musst es, es ist Befehl des Königs!” Inzwischen hatte sich der Palasthof mit vielen Neugierigen gefüllt, die die Hinrichtung eines Mörders sehen wollten. Der Schuster schaute in die Augen des Gefangenen. Ist das ein Mörder? Dann warf er sich auf die Knie und mit lauter Stimme, so dass alle ihn beten hörten, rief er: “Gott, du König des Himmels und der Erde: wenn dieser Mensch ein Mörder ist und ich ihn hinrichten soll, dann mache, dass mein Schwert aus Stahl in der Sonne blitzt! Wenn aber dieser Mensch kein Mörder ist, dann mache, dass mein Schwert aus Holz ist!” Alle Menschen schauten atemlos zu ihm hin. Er zog das Schwert, hielt es hoch – und siehe: es war aus Holz. Gewaltiger Jubel brach aus. In diesem Augenblick kam der König von der Freitreppe seines Palastes, ging geradewegs auf den Flickschuster zu, gab sich zu erkennen, umarmte ihn und sagte: “Von heute an sollst du mein Ratgeber sein!”

 

 

Liebe und Wahnsinn

 

Es wird erzählt, dass alle Gefühle und Qualitäten
des Menschen ein Treffen hatten.
Als die Langeweile zum dritten Mal gähnte,
schlug der Wahnsinn wie immer gewitzt vor:
"Lasst uns verstecken spielen"
Die Intrige hob die Augenbraue
und die Neugierde konnte sich nicht mehr zurückhalten
und fragte:" Verstecken, was ist das?"

"Das ist ein Spiel" sagte der Wahnsinn
"Ich verdecke mein Gesicht und fange an zu zählen,

von 1 bis 1Million. Inzwischen versteckt Ihr Euch.
Wenn ich das Zählen beendet habe, wird der letzte den
ich finde
von Euch meinen Platz einnehmen um das Spiel fort
zusetzen."

Die Begeisterung und die Euphorie tanzten vor Freude.
Die Freude machte so viele Sprünge, dass sie den
letzten Schritt tat,
um den Zweifel zu überzeugen und sogar die
Gleichgültigkeit,
die sonst an nichts Interesse zeigte, machte mit.

Aber nicht alle wollten mitmachen:
Die Wahrheit bevorzugte es sich nicht zu verstecken,
wozu auch?
Zum Schluss würde man sie immer entdecken
und der Stolz meinte, das es ein dummes Spiel wäre,
(im Grunde ärgerte er sich nur, das die Idee nicht von
ihm kam)
und die Feigheit zog es vor, nichts zu riskieren.

"eins, zwei, drei,......."der Wahnsinn begann
zu zählen.
Als erstes versteckte sich die Trägheit,
die sich wie immer hinter den ersten Stein fallen
ließ.
Der Glaube stieg zum Himmel empor
und die Eifersucht versteckte sich im Schatten des
Triumphes,
der es aus eigener Kraft geschafft hatte,
bis zur höchsten Baumkrone zugelangen.
Die Großzügigkeit schaffte es kaum, sich selber zu
verstecken,
da sie bei allen Verstecken die sie fand glaubte,
ein wunderbares Versteck für einen ihrer Freunde
gefunden zu haben.

Ein kristallklarer See........ein wunderbares Versteck
für die Schönheit.
Eine dunkle Höhle............ein perfektes Versteck für
die Angst.
Der Flug eines Schmetterlings.........das Beste für die
Wollust.
Ein Windstoß...........großartig für die Freiheit,
so versteckte sie sich auf einem Sonnenstrahl.
Der Egoismus dagegen fand von Anfang an einen sehr
guten Ort,
luftig und gemütlich.........aber nur für ihn.
Die Lüge verstecke sich auf dem Meeresgrund
(stimmt nicht, in Wirklichkeit verstecke sie sich
hinter dem Regenbogen).

Die Leidenschaft und das Verlangen im Zentrum der
Vulkane.
Die Vergesslichkeit.....ich habe vergessen, wo sie sich
versteckte,
aber das ist auch nicht so wichtig.

Als der Wahnsinn"999 999" zählte, hatte die
Liebe noch kein Versteck gefunden.
Alle Plätze schienen besetzt zu sein,
...bis sie den Rosenstrauch entdeckte
und gerührt beschloss sich in der Blüte zu verstecken.

"Eine Million", zählte der Wahnsinn und
begann zu suchen.
Die erste, die entdeckt wurde, war die Trägheit,
nur drei Schritte, vom ersten Stein entfernt.
Da nach hörte man den Glauben, der im Himmel mit Gott
über Theologie diskutierte.
Das Verlangen und die Leidenschaft, hörte man im Vulkan
vibrieren.
In einem unachtsamen Moment fand er die Eifersucht
und so natürlich auch den Triumph.
Den Egoismus brauchte er gar nicht zu suchen,
ganz allein kam er aus seinem Versteck heraus,
das sich als Bienen Nest entpuppt hatte.

Vom vielen laufen bekam er Durst und als er sich dem
See näherte,
entdeckte er die Schönheit.
Mit dem Zweifel, war es noch einfacher,
ihn entdeckte er auf einem Zaun sitzend,
weil er sich nicht entscheiden konnte,
auf welcher Seite, er sich verstecken sollte.
So fand er einen nach dem anderen, das Talent im
frischen Gras
und die Angst in einer dunklen Höhle.

Nur die Liebe tauchte nirgendwo auf.
Der Wahnsinn suchte sie überall. Auf jedem Baum,
in jedem Bach dieses Planeten, auf jedem Berg
und als er schon aufgeben wollte, erblickte er die
Rosen.

Mit einem Stöckchen fing er an, die Zweige zu bewegen,

bis ein schmerzlicher Schrei aufkam.
Die Dornen hatte der Liebe die Augen ausgestochen.
Der Wahnsinn war hilflos und wusste nicht,,
wie er seine Tat wieder gutmachen konnte.
Er fing an zu weinen und entschuldigte sich.
Er versprach Ihr, für immer Ihr Blindenführer zu sein.

Seit dieser Zeit, seit das erste Mal auf Erden
Verstecken gespielt wurde,
ist die Liebe Blind und der Wahnsinn Ihr ständiger
Begleiter.

 

 

Sohn und Esel

 

Es war einmal ein Ehepaar, das einen 12jährigen Sohn und einen Esel hatte.
Sie beschlossen zu verreisen und die Welt kennen zu lernen. Zusammen mit ihrem
Esel zogen sie los.
Im ersten Dorf hörten sie, wie die Leute redeten:
"Seht Euch den Bengel an, wie schlecht er erzogen ist... er sitzt auf dem Esel
und seine armen Eltern müssen laufen."
Also sagte die Frau zu ihrem Mann: "Wir werden nicht zulassen, dass die Leute
schlecht über unseren Sohn reden." Der Mann holte den Jungen
vom Esel und setzte sich selbst darauf.

Im zweiten Dorf hörten sie die Leute folgendes sagen:
"Seht Euch diesen unverschämten Mann an... er lässt Frau und Kind laufen,
während er sich vom Esel tragen lässt."
Also ließen sie die Mutter auf das Lastentier steigen und Vater und Sohn führten
den Esel.
Im dritten Dorf hörten sie die Leute sagen:
"Armer Mann! Obwohl er den ganzen Tag hart gearbeitet hat, lässt er seine Frau
auf dem Esel reiten. Und das arme Kind hat mit so einer
Rabenmutter sicher auch nichts zu lachen!"
Also setzten sie ihre Reise zu dritt auf dem Lastentier fort.
Im nächsten Dorf hörten sie die Leute sagen:
"Das sind ja Bestien im Vergleich zu dem Tier, auf dem sie reiten.
Sie werden dem armen Esel den Rücken brechen!"
Also beschlossen sie, alle drei neben dem Esel herzugehen.
Im nächsten Dorf trauten sie ihren Ohren nicht, als sie die Leute sagen hörten:
"Schaut euch die drei Idioten mal an. Sie laufen, obwohl sie einen Esel haben,
der sie tragen könnte!"
Fazit:
Die anderen werden dich immer kritisieren und über dich lästern und es ist nicht
einfach, jemanden zu treffen, der dich so akzeptiert wie du bist.
Deshalb:
Leb so, wie du es für richtig hältst und geh, wohin dein Herz dich führt...
Das Leben ist ein Theaterstück ohne vorherige Proben.
Darum:
Singe, lache, tanze und liebe...
und lebe jeden einzelnen Augenblick deines Lebens

 

 

Nur Liebe

 

Wenn die Liebe Dir winkt, folge ihr.
Sind auch ihre Wege schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel Dich umhüllen, gib Dich ihr hin,
Auch wenn das untern Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Und wenn sie zu Dir spricht, glaube an sie,
Auch wenn ihre Stimme Deine Träume zerschmettern kann
wie der Nordwind den Garten verwüstet.
Denn so, wie die Liebe Dich krönt, kreuzigt sie Dich.
So wie sie Dich wachsen lässt, beschneidet sie Dich.
So wie sie emporsteigt zu Deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern,
Steigt sie hinab zu Deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.
Wie die Korngaben sammelt sie Dich um sich.
Sie drischt Dich, um Dich nackt zu machen.
Sie siebt Dich, um Dich von Deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt Dich, bis Du weiß bist.
Sie knetet Dich, bis Du geschmeidig bist;
Und dann weiht sie Dich in ihrem heiligen Feuer,
damit Du Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.
All dies wird die Liebe mit Dir machen, damit Du die Geheimnisse Deines Herzens kennen lernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.
Aber wenn Du in Deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
Dann ist es besser für Dich, Deine Nacktheit zu bedecken und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.
In die Welt ohne Jahreszeiten, wo Du lachen wirst,
aber nicht Dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all Deine Tränen.
Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.
Liebe besitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen;
Denn die Liebe genügt der Liebe.
Wenn Du liebst, sollst Du nicht sagen: "Gott ist in meinem Herzen", sondern: "Ich bin in Gottes Herzen".
Und glaub nicht, Du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie Dich für würdig hält, lenkt Deinen Lauf.
Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.
Aber wenn Du liebst und Wünsche haben musst, sollst Du Dir dies wünschen:
Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein, der seine Melodie der Nacht singt.
Den Schmerz allzuvieler Zärtlichkeiten zu kennen.
Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;
Um willig und freudig zu bluten.
Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weitern Tag des Liebens Dank zu sagen;
Zur Mittagszeit zu ruhen und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;
Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
Und dann einzuschlafen mit einem Gebt für den Geliebten im Herzen

 

 

Nur Steine

Es war einmal ein Farmer in Australien. Der hörte, dass viele dabei waren, ihre Farm zu verkaufen, um nach Diamanten zu schürfen. Einige waren auf diese Weise schon sehr reich geworden.
Der Mann entschied sich, ebenfalls seine Farm zu verkaufen und er fand auch schnell einen Käufer. Mit dem Geld machte er sich auf, um nach Diamanten zu schürfen.
Es verging ein Monat und er hatte nichts gefunden. Auch nach zwei, drei und sechs Monaten war seine Suche erfolglos. Er suchte noch ein weiteres halbes Jahr und war am Ende so verzweifelt, dass er sich von einer Brücke stürzte und sich das Leben nahm.
Der Mann hingegen, der die Farm von dem erfolglosen Diamantensucher gekauft hatte, wunderte sich über die Steine, die dort überall auf dem Land lagen. Er nahm einen der Steine mit zu einem Experten und der teilte ihm mit, dass dies einer der größten Diamanten war, den er je gesehen hatte. Es gab unzählige dieser Steine auf dem Gelände der Farm, nur hatte sie bisher niemand erkannt, da sie roh und ungeschliffen waren.

Die Rechnung

Eines Abends, als die Mutter gerade das
Abendessen kochte, kam der elfjährige Sohn
in
die Küche, mit einem Zettel in der Hand. Er
überreichte den Zettel mit einem seltsamen,
amtlich anmutenden Gesichtsausdruck seiner
Mutter, die
sich daraufhin die Hände in der Schürze
abwischte, den Zettel entgegennahm, und zu
lesen begann:

Für das Jäten des Blumenbeetes: 2 Euro
Für das Aufräumen meines Zimmers: 8 Euro
Weil ich Milch holen gegangen bin: 1 Euro
Weil ich drei Nachmittage auf meine kleine
Schwester aufgepasst habe: 12 Euro
Weil ich zwei Einser bekommen habe: 8 Euro
Weil ich jeden Tag den Müll raus bringen: 3
Euro
Insgesamt: 34 Euro.

Die Mutter blickte sanft ihren Sohn an. Es
kamen ihr unzählige Erinnerungen ins
Gedächtnis.

Dann nahm sie einen Stift, und begann auf
einen anderen Zettel zu schreiben:

Für neun Monate lang unter meinem Herzen
tragen: 0 Euro
Für alle durchwachten Nächte, die ich an
deinem Krankenbett verbracht habe: 0 Euro
Für das viele Im-Arm-halten und Trösten: 0
Euro
Für das Auftrocknen deiner Tränen: 0 Euro
Für alles, was ich dir Tag für Tag
beigebracht habe: 0 Euro
Für jedes Frühstück, Mittagessen, Brotzeit,
Semmeln und alles, was ich dir zubereitet
habe: 0 Euro
Für mein Leben, was ich dir jeden Tag gebe:
0
Euro
Insgesamt: 0 Euro

Als sie fertig war, gab die Mutter mit einem
Lächeln den Zettel ihrem Sohn in
die Hand. Das Kind las es, und zwei große
Tränen liefen aus seinen Augen.

Dann drückte er den Zettel an sein Herz, und
schrieb im Anschluss auf seine eigene
Rechnung:

BEZAHLT

 

Eine kleine Seele spricht mit Gott


Einmal vor zeitloser Zeit da war eine Kleine Seele, die sagte zu Gott: „Ich weiß wer ich bin!“ Und Gott antwortete: „Oh, das ist ja wunderbar. Wer bist du denn?“ Die Kleine Seele rief: „Ich bin das Licht!“ Und auf Gottes Gesicht erstrahlte das schönste Lächeln. „Du hast recht“, bestätigte er, „Du bist das Licht“. Da war die Kleine Seele überglücklich. Denn sie hatte genau das entdeckt was alle Seelen im Himmelreich herausfinden wollen. „Hej“, sagte die Kleine Seele, „das ist ja Klasse.“

Doch bald genügte es der Kleinen Seele nicht mehr zu wissen wer sie war. Sie wurde unruhig, ganz tief drinnen, und wollte nun SEIN wer sie war. So ging sie wieder zu Gott. Es ist übrigens keine schlechte Idee, sich an Gott zu wenden, wenn man das sein möchte, was man eigentlich ist.

Sie sagte: „Hallo Gott nun da ich weiß wer ich bin, könnte ich es nicht auch SEIN?“ Und Gott antwortete der Kleinen Seele: „Du meinst, dass du sein willst, was du schon längst bist?“ „Also“, sprach die Kleine Seele, „es ist schon ein Unterschied ob ich nur weiß, wer ich bin, oder ob ich es auch wirklich BIN. Ich möchte fühlen wie es ist das Licht zu sein.“

„Aber du BIST doch das Licht“, wiederholte Gott und er lächelte wieder. Doch die Kleine Seele jammerte. „Jaaa, aber ich möchte doch wissen wie es sich anfühlt das Licht zu sein.“

Gott schmunzelte. „Nun das hätte ich mir denken können. Du warst schon immer recht abenteuerlustig. Es gibt da nun eine Sache, und Gottes Gesicht wurde ernst.“ „Was denn?“ fragte die Kleine Seele. „Nun es gibt nichts anderes als Licht. Weißt du, ich habe nichts anderes erschaffen als das was du bist, und deshalb wird es nicht so einfach für dich, zu werden wer du bist. Denn es gibt nichts, das nicht so ist wie du.“

„Wie?“ fragte die Kleine Seele und war ziemlich verwirrt. „Stelle es dir so vor“, begann Gott, „du bist wie der Schein einer Kerze in der Sonne. Das ist auch richtig so. Und neben dir gibt es noch viele Millionen Kerzen die gemeinsam die Sonne bilden. Doch die Sonne wäre nicht die Sonne wenn du fehlen würdest. Schon mit einer Kerze weniger wäre die Sonne nicht mehr die Sonne, denn sie könnte nicht mehr ganz so hell strahlen. Die große Frage ist also: Wie kannst du herausfinden, dass du Licht bist, wenn du überall von Licht umgeben bist?“

Da sagte die Kleine Seele frech: „Du bist doch Gott. Überleg dir halt etwas.“ „Du hast recht“, sagte Gott und lächelte wieder. „Und mir ist auch schon etwas eingefallen. Da du Licht bist und dich nicht erkennen kannst, wenn du nur von Licht umgeben bist, werden wir dich einfach mit Dunkelheit umhüllen.“

„Was ist denn Dunkelheit?“ fragte die Kleine Seele. Gott antwortete: „Die Dunkelheit ist das was du nicht bist.“ „Werde ich Angst davor haben?“ rief die Kleine Seele. „Nur wenn du Angst haben willst,“ antwortete Gott. „Es gibt überhaupt nichts wovor du dich fürchten müsstest, es sei denn, du willst dich fürchten. Weißt du, die ganze Angst denken wir uns nur selbst aus.“ „Oooh,“ die Kleine Seele nickte verständig und fühlte sich gleich wieder besser.

Dann erklärte Gott, dass oft erst das Gegenteil von dem erscheinen müsse, was man erfahren wolle. „Das ist ein großes Geschenk“ sagte Gott, „denn ohne das Gegenteil könntest du nie erfahren wie etwas wirklich ist. Du würdest Wärme nicht ohne Kälte erkennen, Oben nicht ohne Unten, Schnell nicht ohne Langsam. Du könntest Rechts nicht ohne Llinks erkennen, Hier nicht ohne Dort, und Jetzt nicht ohne Später. Und wenn du von Dunkelheit umgeben bist,“ schloß Gott ab, „dann balle nicht deine Faust und erhebe nicht deine Stimme, um die Dunkelheit zu verwünschen. Sei lieber ein Licht in der Dunkelheit, statt dich über sie zu ärgern, dann wirst du wirklich wissen wer du bist und alle anderen werden es auch wissen. Laß dein Licht scheinen, damit die anderen sehen können, dass du etwas Besonderes bist.“

„Meinst du wirklich es ist in Ordnung, wenn die anderen sehen können, dass ich etwas Besonderes bin?“ „Natürlich.“ Gott lächelte. „Es ist sogar sehr in Ordnung. Doch denke immer daran: Etwas Besonderes zu sein, heißt nicht: Besser zu sein. Jeder ist etwas Besonderes. Jeder auf seine Weise. Doch die meisten haben das vergessen. Erst wenn sie merken, dass es für dich in Ordnung ist, etwas Besonderes zu sein, werden sie begreifen, dass es auch für sie in Ordnung ist.“

„Hej,“ rief die Kleine Seele und tanzte, hüpfte und lachte voller Freude, „Ich kann also so besonders sein wie ich will?“ „Jaaaa, und du kannst auch sofort damit anfangen“ sagte Gott, und tanzte, hüpfte und lachte mit der Kleinen Seele. „Wie möchtest du denn besonders gerne sein?“ „Was meinst du mit „wie“?“, fragte die Kleine Seele. „Das verstehe ich nicht.“

“Nun, das Licht zu sein bedeutet, etwas Besonderes zu sein und das kann sehr viel bedeuten. Es ist etwas Besonderes freundlich zu sein, es ist etwas besonderes sanft zu sein, es ist etwas besonderes schöpferisch zu sein, es ist etwas besonderes geduldig zu sein. Fallen dir noch andere Dinge ein mit denen man etwas Besonderes sein kann?“

Die Kleine Seele saß einen Moment lang ganz still da. Dann rief sie: „Jaaa, ich weiß eine ganze Menge anderer Dinge mit denen man etwas Besonderes sein kann. Es ist etwas Besonderes hilfreich zu sein. Es ist etwas Besonderes rücksichtsvoll zu sein, und es ist etwas Besonderes miteinander zu teilen.“ „Ja,“ stimmte Gott zu, „und all das kannst du jederzeit auf einmal sein. Oder auch nur ein Teil davon. Dies ist die wahre Bedeutung davon, Licht zu sein.“

„Ich weiß was ich sein will, ich weiß was ich sein will“ rief die Kleine Seele ganz aufgeregt, „ich möchte der Teil des Besonderen sein, den man Vergebung nennt. Ist zu vergeben nicht etwas Besonderes?“ „Oooh ja“ versicherte Gott der Kleinen Seele, „dies ist etwas ganz Besonderes.“ „In Ordnung“ sagte die Kleine Seele, „das ist es was ich sein will. Ich möchte Vergebung sein. Ich möchte mich selbst als genau das erfahren.“

„Gut“ sagte Gott, „doch da gibt es noch eine Sache, die du wissen solltest.“ Die Kleine Seele wurde langsam etwas ungeduldig. Immer schien es irgendwelche Schwierigkeiten zu geben. „Was denn noooch,“ stöhnte sie.

„Es gibt keinen, dem du vergeben müsstest.“ „Keinen?“ Die Kleine Seele konnte kaum glauben, was Gott da sagte. „Keinen“ wiederholte Gott. „Alles was ich erschaffen habe IST vollkommen. Es gibt in meiner ganzen Schöpfung keine einzige Seele die weniger vollkommen wäre als du. Schau dich doch einmal um.“

Da sah die Kleine Seele, dass viele andere Seelen sich um sie herum versammelt hatten. Sie waren von überall her aus dem Himmelreich gekommen. Es hatte sich nämlich herumgesprochen, dass die Kleine Seele eine ganz besondere Unterhaltung mit Gott führte. Und jede Seele wollte hören, worüber die beiden sprachen. Als die Kleine Seele die unzähligen anderen Seelen betrachtete, musste sie zugeben, dass Gott Recht hatte. Keine von ihnen war weniger schön, weniger strahlend oder weniger vollkommen als sie selbst. Die anderen Seelen waren so wundervoll, ihr Licht strahlte so hell, dass die Kleine Seele kaum hinsehen konnte.

„Wem willst du denn nun vergeben?“ fragte Gott. „Au weia, das wird aber wenig Spaß machen“ brummte die Kleine Seele vor sich hin. „Ich möchte mich selbst als jemanden erfahren der vergibt. Ich hätte so gerne gewusst, wie man sich mit diesem Teil des Besonderen fühlt.“ Und so lernte die Kleine Seele wie es sich anfühlt, traurig zu sein.

Doch da trat eine Freundliche Seele aus der großen Menge hervor. Sie sagte: „Sei nicht traurig, Kleine Seele ich will dir helfen.“ „Wirklich?“ rief die Kleine Seele. „Doch, was kannst du für mich tun?“ „Ich kann dir jemanden bringen dem du vergeben willst.“ „Oh wirklich?“

„Ja, ganz bestimmt“ kicherte die Freundliche Seele, „ich kann in dein nächstes Erdenleben kommen und dir etwas antun, damit du mir vergeben kannst.“ „Aber warum willst du das für mich tun?“ fragte die Kleine Seele. „Du bist doch ein vollkommenes Wesen, deine Schwingungen sind so hoch, und dein Licht leuchtet so hell, dass ich dich kaum anschauen kann. Was bringt dich bloß dazu, deine Schwingungen so zu verringern, dass dein Licht dunkel und dicht wird? Du bist so Licht dass du auf den Sternen tanzen und in Gedankenschnelle durch das Himmelreich sausen kannst. Warum solltest du dich so schwer machen, um mir in meinem nächsten Leben etwas Böses antun zu können?“

„Ganz einfach,“ sagte die Freundliche Seele, „weil ich dich lieb habe.“ Diese Antwort überraschte die Kleine Seele. „Du brauchst nicht erstaunt zu sein“, sagte die Freundliche Seele. „Du hast das selbe auch für mich getan. Weißt du es nicht mehr? Wir haben schon so oft miteinander getanzt. Ja, du und ich, wir haben durch Äonen und alle Zeitalter hindurch und an vielen Orten miteinander gespielt. Du hast es nur vergessen. Wir beide sind schon Alles gewesen. Wir waren schon Oben und waren Unten, wir waren schon Rechts und waren Links. Wir waren Hier und waren Dort, wir waren im Jetzt und waren im Später. Wir waren schon Mann und waren Frau, wir waren Gut und waren Schlecht, beide waren wir schon das Opfer und beide waren wir schon der Schurke. So kommen wir immer wieder zusammen und helfen uns immer wieder, das auszudrücken., was wir wirklich sind. Und deshalb“ erklärte die Freundliche Seele weiter, „werde ich in dein nächstes Erdenleben kommen und der Bösewicht sein. Ich werde dir etwas Schreckliches antun, und dann kannst du dich als jemanden erfahren, der vergibt.“

„Aber, was wirst du tun?“ fragte die Kleine Seele nun doch etwas beunruhigt, „Was wird denn so schrecklich sein?“ „Ooh“ sagte die Seele mit einem freundlichen Lächeln, „uns wird schon etwas einfallen.“ Dann wurde die Freundliche Seele sehr ernst und sagte mit leiser Stimme: „Weißt du, mit einer Sache hast du vollkommen recht gehabt.“ „Mit was denn?“ wollte die Kleine Seele wissen.

„Ich muß meine Schwingung sehr weit herunterfahren und sehr schwer werden, um diese schreckliche Sache tun zu können. Ich muß so tun, als ob ich jemand wäre, der ich gar nicht bin. Und dafür muß ich dich um einen Gefallen bitten.“ „Du kannst dir wünschen was du willst!“ rief die Kleine Seele, sprang umher und sang: „Hurra, ich werde vergeben können, ich werde vergeben können.“

Da bemerkte die Kleine Seele, dass die Freundliche Seele sehr still geworden war. „Was ist, was kann ich für dich tun?“ fragte die Kleine Seele. „Du bist wirklich ein Engel, wenn du diese schreckliche Sache für mich tun willst.“

Da unterbrach Gott die Unterhaltung der beiden Seelen. „Natürlich ist diese Freundliche Seele ein Engel. Jedes Wesen ist ein Engel. Denke immer daran: Ich habe dir immer nur Engel geschickt.“ Die Kleine Seele wollte doch so gerne den Wunsch der Freundlichen Seele erfüllen und fragte nochmals. „Sag schon, was kann ich für dich tun?“ Die Freundliche Seele antwortete: „In dem Moment, in dem wir aufeinander treffen und ich dir das Schreckliche antue, in jenem Moment, in dem ich das Schlimmste tue, was du dir vorstellen kannst, also in diesem Moment…“ „Ja“ sagte die Kleine Seele, „ja?“

Die Freundliche Seele wurde noch stiller. „Denke daran, wer ich wirklich bin.“ „Oh, das werde ich bestimmt“ rief die Kleine Seele, „das verspreche ich dir. Ich werde mich immer so an dich erinnern, wie ich dich jetzt hier sehe.“ „Gut“ sagte die Freundliche Seele, „Weißt du, ich werde mich so verstellen müssen, dass ich mich selbst vergessen werde. Und wenn du dich nicht daran erinnerst, wer ich wirklich bin, dann werde ich mich selbst für eine sehr lange Zeit auch nicht daran erinnern können. Wenn ich vergesse, wer ich bin, dann kann es passieren, dass auch du vergisst, wer du bist. Und dann sind wir beide verloren. Dann brauchen wir eine weitere Seele, die in unser Leben kommt und uns daran erinnert, wer wir wirklich sind.“

Doch die Kleine Seele versprach noch einmal: „Nein, wir werden nicht vergessen, wer wir sind. Ich werde mich an dich erinnern. Und ich werde dir sehr dankbar dafür sein, daß du mir dieses große Geschenk machst, das Geschenk, dass ich erfahren darf, wer ich wirklich bin.“

Und so schlossen die beiden Seelen ihre Vereinbarung. Die Kleine Seele begab sich in ein neues Erdenleben. Sie war ganz begeistert, dass sie das nicht war, das so Besonderes ist, und sie war so aufgeregt, dass sie jener Teil des Besonderen sein durfte, der Vergebung heißt. Sie wartete begierig darauf, sich selbst als Vergebung erfahren zu können, und der anderen Seele dafür danken zu dürfen, dass sie diese Erfahrung möglich gemacht hat. Und in jedem Augenblick dieses neuen Erdenlebens, wann immer eine neue Seele auftauchte, ob sie nun Freunde oder Traurigkeit brachte, natürlich besonders, wenn sie Traurigkeit brachte, fiel der Kleinen Seele ein, was Gott ihr einst mit auf den Weg gegeben hatte:

„Denke stets daran“, hat Gott mit einem Lächeln gesagt, „Ich habe dir immer nur Engel geschickt.“




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